EitFood EU

Auferstehung von traditionellem Obst und Gemüse

Weizen, Mais und Zuckerrüben – auf deutschen Feldern geht es meist ganz schön eintönig zu. Dabei war das Land vor gut 100 Jahren noch reich an Obst-, Gemüse- und Getreidesorten. Davon sind heute viele vom Aussterben bedroht.

Was haben „Edelstein“, „Schneekuppe“, „Erfolg“ oder „Orlando“ gemeinsam? – Sie alle sind Blumenkohlsorten! Leider ist das nicht die einzige Gemeinsamkeit: Sie stehen auf der Roten Liste für einheimische Nutzpflanzen in Deutschland, sind also vom Aussterben bedroht. Auf der Liste finden sich weit über 1000 verschieden Gemüse-, Obst- und Getreidesorten.1  

Im Gegensatz dazu geht es auf unseren Feldern weniger vielfältig zu. Die deutsche Landwirtschaft nutzt nach Angaben des Informations- und Koordinationszentrums für Biologische Vielfalt 2 ackerbaulich etwa 25 Marktfruchtarten für Lebensmittel. Im Gartenbau kommen etwa 100 Obst- und Gemüsesorten hinzu. 

Vielfalt zur Jahrhundertwende

„Das war früher anders“, sagt Sarah Sensen. Die Biologin ist Referentin für pflanzengenetische Ressourcen an der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. „Die Sortenvielfalt war vermutlich um 1900 am größten.“ 

Damals gab es noch Landwirt*innen, die nicht nur ihre Felder bewirtschaftet, sondern auch Pflanzen gezüchtet haben. „Dann hat man auch mal über den Gartenzaun Saatgut ausgetauscht“, erzählt Sensen. So entstanden regionale Sorten, die häufig an die ökologischen Bedingungen vor Ort gut angepasst waren. 

Zu der Zeit entstanden aber auch Forschungseinrichtungen, die Pflanzen systematisch züchteten. „Immer mehr Menschen in der Landwirtschaft haben dann diese Sorten verwendet, die von den Landesanstalten empfohlen wurden“, sagt Sensen.

Volle Supermarktregale

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Sortenvielfalt weiter zurück. Ein Grund dafür waren die europäischen Saatgutrichtlinien, die bis heute in Deutschland als Grundlage für die nationale Gesetzgebung dienen. Diese besagen unter anderem, dass nur diejenigen Sorten großflächig angebaut werden dürfen, die eine Zulassung vom Bundessortenamt erhalten haben.3 

„Die Zulassung ist wahnsinnig teuer“, erklärt Sarah Sensen. Denn das Bundessortenamt muss in aufwendigen Feldversuchen überprüfen, ob das eingereichte Saatgut alle gesetzlichen Prüfkriterien erfüllt. Für Sorten, die nicht den Massenmarkt bedienen können, ist das nicht zu finanzieren. Eine häufige Kritik lautet deshalb, dass die EU-Gesetzgebung Mitschuld am Rückgang der Sortenvielfalt trägt. 

Das hält Sensen nicht für unbegründet. Trotzdem glaubt sie, dass man der Gesetzgebung Unrecht tut: „Damals ging es darum, Landwirten Sorten an die Hand zu geben, mit denen sie sichere Ernten einfahren konnten, damit der Hunger aufhört. Die Menschen waren einfach glücklich über Supermärkte mit vollen Regalen.“ 

Es fehlt an Geschmack

Danach hat sich die Landwirtschaft zu einem immer stärker professionalisierten Wirtschaftszweig entwickelt. Dazu gehört auch: eine immer technologisiertere Arbeit. Auch das beeinflusst, welche Sorten gesät werden, sagt Alexandra Becker. Die Gartenbauwissenschaftlerin arbeitet für VERN e.V. Der Verein setzt sich für den Erhalt alter und seltener Kulturpflanzen ein4

„Bei modernen Züchtungen geht es darum, dass die Sorten einen guten Ertrag liefern, dass sie sich lange lagern lassen und dass sie auch einen längeren Transport überstehen“, erklärt Becker. Ein weiteres Kriterium: Die Pflanzen sollten möglichst zum gleichen Zeitpunkt erntereif sein, damit nur einmal geerntet werden muss. 

Solch ein Kriterienkatalog bedeutet, dass an anderer Stelle bei der Züchtung Abstriche gemacht werden. „Nur sehr wenige Sorten bringen alles mit“, sagt Becker. Das heißt: Die Tomate, die alle Anforderungen der modernen Lebensmittelproduktion erfüllt, schmeckt am Ende nicht unbedingt besonders aromatisch nach Tomate. 

Auf der Suche nach Gemüse, das einen intensiven Geschmack hat, haben Jan Maier und Tobias Beck, Geschäftsführer des Kölner Sterne-Restaurants maiBeck, einige alte Sorten für sich entdeckt. Über die Kölner Bauernrunde stehen die Gastronomen im engen Austausch mit Landwirten aus dem Umland. „In Gesprächen erzählen sie dann manchmal von Gemüsesorten, die ihre Väter noch angebaut haben – da werden wir dann hellhörig“, sagt Maier.

Dann spricht er über den Maiwirsing. Die lange vergessene regionale Kohlsorte lässt ihn schwärmen: „Der Kohl ist vielschichtig. Die äußeren dunklen Blätter sind ganz anders als die inneren Blätter. Die sind ganz fein und zart und haben im rohen Zustand eine richtige Eleganz.“ Eine echte Wiederentdeckung.5

Alte Sorten sind Kulturgut

Mit einer Landwirtschaft, die hauptsächlich auf moderne Züchtungssorten setzt, gehe noch mehr verloren als der Geschmack, sagt Becker. Die alten Sorten seien ein Kulturgut, das über Jahrhunderte von Menschen geschaffen wurde. „Jetzt verschwinden sie, obwohl unsere Gesellschaft reich ist.“ 

Die Bedeutung einer biologischen Vielfalt in der Landwirtschaft, auch Agrobiodiversität, geht aber noch weiter. Sie birgt einen Schatz genetischer Ressourcen, die helfen können, auf wechselnde Umweltbedingungen zu reagieren. „Wenn wir uns nicht darum bemühen, gefährden wir die Grundlage unserer Ernährung“, warnt Becker. 

Das Bewusstsein dafür ist in Teilen der Bevölkerung bereits in den 80er Jahren durch die Öko-Bewegung entstanden, sagt sie. Die Politik hat später reagiert. Seit 2009 gibt es die Erhaltungssortenverordnung. Sie erlaubt es, Sorten ohne aufwendigen Prüfungsprozess anzumelden. Die Anbaufläche ist dann zwar begrenzt, aber es reiche, um einen Nischenmarkt zu bedienen.6

Das geht Becker aber noch nicht weit genug: „Es braucht eine Förderung für Züchtung und Erhalt der alten Sorten.“ Beides sei heute kaum wirtschaftlich. Viele der alten Sorten befinden sich nur in Saatgutdatenbanken – diese müssen im Anbau erstmal getestet werden und neues Saatgut gewonnen werden, damit ein größerer Anbau möglich ist. „Das ist alles mühsam und man braucht die nötige Leidenschaft“, sagt auch Sensen. 

Dass sich diese Arbeit auszahlt, zeigen kleine Erfolgsgeschichten wie die der alten fränkischen Kartoffelsorte „Bamberger Hörnchen“7, oder auch die aus Brandenburg stammenden „Teltower Rübchen“. Beide Sorten stehen zwar immer noch auf der Roten Liste, sind aber inzwischen dank des Einsatzes von Kleingärtner*innen in ihrem Bestand gesichert.