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„Jede PiWi-Rebe, die gepflanzt wird, ist eine gute Rebe“

Weinpflanzen müssen regelmäßig mit Pflanzenschutz behandelt werden – sonst drohen Winzerinnen und Winzer enorme Ernteausfälle. Pilzwiderstandsfähige Rebsorten sind eine Alternative. Doch auf dem Markt haben sie es schwer.

Wer durch die Weinberge in Biebelnheim wandert und an den Rebstöcken des  Weingut Schönhals vorbei spaziert, dem fällt zunächst nichts Besonderes auf. Wie überall wächst der Wein hier in Reih und Glied. Ins Auge fallen nur die grünen, im Sommer blühenden Flächen zwischen den Rebreihen, ein verlässliches Zeichen dafür, dass Winzerin Hanneke Schönhals biologischen Weinbau betreibt. Doch die Besonderheit vieler ihrer Rebstöcke ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen, sondern liegt in der DNA der Pflanzen. Schönhals baut sogenannte „pilzwiderstandsfähige Rebsorten“ an, kurz „PiWis“. Das sind Rebsorten, die weniger anfällig für Pilzerkrankungen sind.1


Pilzerkrankungen sind ein Risiko für den Weinbau

Pilzerkrankungen können ein großes Problem im Weinberg sein. „Wir haben es vor allem mit dem Echten und dem Falschen Mehltau zu tun“, sagt Joachim Schmid, Professor für Rebenzüchtung an der Hochschule Geisenheim. Beide Pilzerkrankungen wurden im 19. Jahrhundert aus Nordamerika nach Europa eingeschleppt. Im Weinberg können sie erhebliche Schäden verursachen. Das bedeutet eine schlechtere Trauben- und damit auch Weinqualität oder ganze Ernteausfälle.2

Um sich vor dem finanziellen Risiko zu schützen, spritzen Winzerinnen und Winzer regelmäßig Fungizide auf ihre Pflanzen. Das sind Pflanzenschutzmittel, die Pilze abtöten oder zumindest ihr Wachstum verhindern. „Gemessen an der Fläche, die der Weinbau im Verhältnis zur gesamten landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland ausmacht, verwenden wir Winzerinnen und Winzer überproportional viel Pflanzenschutz“, sagt Hanneke Schönhals. Die eingesetzte Menge schwankt von Jahr zu Jahr. In einem regenreichen Jahr wie 2021 muss häufiger gespritzt werden als in einem so trockenen Jahr wie 2022.3

Chardonnay-Trauben, die von Mehltau, Sonnenbrand und Botrytis befallen sind. Zu den Symptomen einer Infektion mit Echtem Mehltau gehört, dass die Trauben zu Beginn der Reifung weich und braun werden.
(Foto von George Rose / Getty Images)


Ökobetriebe müssen meist häufiger spritzen

„Das Thema Pflanzenschutz ist schrecklich. Keiner macht das gerne, egal ob bio oder konventionell“, sagt Hanneke Schönhals. Sie selbst hat 2018 das Weingut von ihrem Vater übernommen, einem Biopionier, der den Betrieb über 30 Jahre lang ökologisch führte. Auch sie arbeitet weiter konsequent ökologisch und seit 2019 biodynamisch. „Am liebsten möchte die Biokundschaft natürlich hören, dass wir keinen Pflanzenschutz betreiben. Aber das stimmt nicht“, sagt Schönhals. 

„Weil die im Bioweinbau zugelassenen Mittel nicht so lange wirken, müssen Ökobetriebe meistens sogar häufiger spritzen“, sagt Dr. Christoph Hoffmann. Er ist wissenschaftlicher Direktor am Julius Kühn-Institut und leitet dort unter anderem den Bereich des integrierten Pflanzenschutzes im Weinbau. Häufigeres Spritzen heißt in vielen Fällen auch: Mehr Fahrten mit dem Traktor und damit mehr CO2-Emissionen und auch mehr Belastung für den Boden zwischen den Weinreben. 

Die im Bioweinbau zugelassenen Pflanzenschutzmittel seien auch nicht harmlos, sagt Hoffmann. „Kupfer, beispielsweise, ist eine Substanz, die extrem toxisch für Wasserorganismen ist.“ Das ist vor allem dann eine Gefahr, wenn das Metall durch Erosionen in fließende Gewässer gerät. Schwefel, ein anderes Mittel, das im Bioweinbau gegen Pilzerkrankungen eingesetzt wird, schädigt beispielsweise auch Schlupfwespen. Dabei sind die Insekten im Weinberg eigentlich erwünscht, da sie natürliche Schädlingsbekämpfer sind. Studien zeigen, so Hoffmann, dass sich auch der Pflanzenschutz im Bioweinbau negativ auf die Biodiversität auswirke – nicht nur im konventionellen Landbau. „Einen Unterschied sehe ich in dem Moment, in dem PiWis angebaut werden“, sagt der Biologe.

Das bestätigt auch Hanneke Schönhals. Die Biowinzerin hat von ihrem Vater bereits einige PiWi-Reben übernommen und inzwischen auch neu gepflanzt. „Meine PiWi-Reben kann ich bis zu 80 Prozent weniger spritzen als die anderen“, so die Winzerin.

Biowinzerin Hanneke Schönhals schneidet ihre Reben, 2022. Hanneke kann ihre Piwi- Reben bis zu 80 Prozent weniger spritzen als die anderen Rebsorten. (Foto von Annegret Hirschmann)


Aufwendige Züchtung

“PiWi-Rebsorten sind das Ergebnis aufwendiger Züchtung”, erklärt Joachim Schmid. „Von der ersten Kreuzung bis zur Marktreife dauert es etwa 30 Jahre.“ 

Um die Rebsorten zu züchten, kreuzen Forscherinnen und Forscher nordamerikanische und teilweise asiatische Reben, die Resistenzen gegen die häufigsten Pilze haben, mit den klassischen europäischen Rebsorten. 

„Danach müssen wir herausfinden, ob sich die Resistenzen über das Einkreuzen übertragen haben, aber vielleicht auch unerwünschte negative Aromen“, sagt Schmid. So muss Sämling für Sämling überprüft werden, um anschließend herauszufinden, ob die Resistenz auch für verschiedene Anbaugebiete gilt: 

„Im Rheingau gibt es andere Herausforderungen als in Baden“, so der Professor. 

Doch der Aufwand lohnt sich. Inzwischen sind fast 40 PiWi-Rebsorten zugelassen, die auch aromatisch überzeugen. Gut 50 bis 80 Prozent weniger Pflanzenschutz brauchen diese Reben im Vergleich zu nicht-resistenten Pflanzen.4
 

Biowinzerin Hanneke Schönhals schneidet ihre Reben, 2022. Hanneke kann ihre Piwi- Reben bis zu 80 Prozent weniger spritzen als die anderen Rebsorten. (Foto von Annegret Hirschmann)


PiWis lassen sich nicht gut vermarkten

Mehr Biodiversität im Weinberg, weniger Arbeit für Winzerinnen und Winzer und weniger Ausgaben für Pflanzenschutz. Eigentlich spricht viel für die PiWi-Reben. Das sieht auch Joachim Schmid so. „Ich habe 1981 meine Diplomarbeit zu Untersuchungen an pilztoleranten Rebsorten  geschrieben“, erinnert sich der Professor zurück. Damals habe er damit gerechnet, dass zeitnah immer mehr Winzerinnen und Winzer auf pilzresistente Reben umsteigen würden. Eine Fehleinschätzung, wie sich heute zeigt: 2022 macht der Anteil von PiWi-Sorten gerade einmal drei Prozent der Gesamtfläche in Deutschland aus.5

Dafür gibt es mehrere Gründe. „Die Weinbrache ist sehr traditionell“, sagt Christoph Hoffmann. Winzerinnen und Winzer setzen auf das, was sie kennen und verkaufen können. Und Verbraucherinnen und Verbraucher seien zumeist unaufgeklärt und bewegten sich deshalb beim Einkauf eher auf bekanntem Terrain. „Der deutsche Markt ist dabei auch noch einmal spezieller“, ergänzt Hanneke Schönhals. „Hier wird nach Rebsorten gekauft.“ Die Kaufentscheidung fällt oft danach, welche Rebsorte auf dem Etikett steht – also Riesling, Grau- oder Spätburgunder. Neue Rebsorten haben es da schwer, auch wenn sie klangvolle Namen wie “Solaris” oder “Regent” tragen.

Ein anderes Thema ist der Geschmack. „Mit jeder neuen Sorte muss im Weinberg und auch im Keller Erfahrung gesammelt werden“, sagt Hoffmann. Das heißt: Wann ist der beste Lesezeitpunkt und wie sollte der Wein ausgebaut werden, um die Rebsorte am besten zur Geltung zu bringen. Johann Schmid ergänzt: “Seit 500 Jahren gibt  es Riesling, seit über 1200 Jahren die Burgunder-Sorten. Im Umgang damit konnten die Winzerinnen und Winzer sowie Kellermeisterinnen und Kellermeister viel Erfahrung sammeln. Aber inzwischen sind fast 40 PiWi-Sorten auf dem Markt, die den traditionellen Sorten in Aromatik und Geschmack in fast nichts mehr nachstehen.“ Das hätten auch viele Blindverkostungen bewiesen, bei denen PiWi-Rebsorten hervorragend abgeschnitten hätten. „Nur auf dem Markt ist das noch nicht angekommen“, so Schmid. 

„Da wir der Klimakrise ins Auge schauen, müssen wir uns dem Thema Pflanzenschutz mehr widmen, und können uns dabei nicht mehr ausschließlich von Marktwünschen treiben lassen“, sagt Hanneke Schönhals. Die Winzerin hat deshalb vor über zwei Jahren entschieden, nur noch PiWis nachzupflanzen, sobald ein Weinberg neu bestückt werden muss. Da die Reben mindestens 30 Jahre im Weinberg stehen, ist das eine langfristige Entscheidung und auch ein finanzielles Risiko. 

Winzer ernten Riesling-Trauben an der Mosel, Deutschland.
  2021 wurde auf rund einem Viertel der gesamten Rebfläche Deutschlands Weißer Riesling angebaut. Damit zählt Riesling weiterhin zur meist angebauten Rebsorte. (Photo von Thomas Lohnes/Getty Images)


Ein besserer Name für PiWi- Weine ? 

Kurz nach dieser Entscheidung erhielt Hanneke Schönhals einen Anruf von der Winzerin Eva Vollmer. Auch sie hat sich vorgenommen, nur noch PiWi-Reben zu pflanzen und erzählte Schönhals von der Idee, diese nicht mehr als „PiWis“, sondern als „Zukunftsweine“ auf den Markt zu bringen. „Ich habe Gänsehaut bekommen, als sie angerufen hat. Das war genau der Gedanke, der mir gefehlt hat“, erinnert sich Schönhals. 

Gemeinsam mit weiteren Unterstützerinnen und Unterstützern haben die beiden Winzerinnen die Idee zu einer Bewegung weiterentwickelt. 

Und sie haben entschieden: Die “Zukunftsweine” sollen eine Lösung für alle Winzerinnen und Winzer sein. Also unabhängig davon, wie sie wirtschaften. „Unser Motto ist: Jede PiWi-Rebe, die gepflanzt wird, ist eine gute Rebe“, sagt Schönhals. Der Ansatz von „Zukunftsweine“ ist deshalb niedrigschwellig. Einziger Anspruch: Ein Wein muss zu mindestens 85 Prozent aus PiWi-Rebsorten gemacht sein, dann erst darf er zum „Zukunftswein“ werden. „Wir wollen damit die Mauer zwischen bio und konventionell einreißen“, erklärt Schönhals. 

Für sie sei das eine schwierige Entscheidung gewesen, so Schönhals. „Ich bin in der Bio-Blase groß geworden. Aber wir bewegen uns seit Jahren bei zehn Prozent Marktanteil und ich habe es satt, dass sich darüber hinaus nichts tut.“ 


Selbst wenn sie als handwerklich arbeitende Winzerin nicht begeistert von Billigweinen sei, hätten PiWis auch im einfachsten Segment ihre Berechtigung. „Dass man auch richtig gute PiWi-Weine machen kann, müssen wir dann eben unter Beweis stellen.“