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Iss nicht vegan, iss nachhaltig | Meinung
Aug 24, 2020 Aran Shaunak Von Aran Shaunak Meine Artikel

Iss nicht vegan, iss nachhaltig | Meinung

Vegan zu leben ist super, um den Planeten zu retten - aber es ist nicht jedermanns Sache. Vielleicht sollten wir alle einfach versuchen, stattdessen nachhaltiger zu essen?

Das wichtigste zuerst: ich lebe nicht vegan. Ich gebe mein Bestes, aber eine schnelle Überprüfung meiner Küche zeigt Joghurt im Kühlschrank und Eier im Schrank, das Spiel ist also aus. Aber ich persönlich mache mir auch nicht allzu viele Sorgen darum, ob meine Ernährung den (etwas willkürlichen) Regeln entspricht, dass alles auf Pflanzenbasis sein muss. Stattdessen gebe ich mein Bestes, um Entscheidungen zu treffen, die für mich, den Planeten und all das was auf ihm lebt, nachhaltig sind.

Was ist Nachhaltigkeit?

"Nachhaltigkeit" ist ein viel umstrittenes Konzept. Viele von uns würden Nachhaltigkeit als die Auswirkungen, die etwas bestimmtes auf die Umwelt hat, definieren. Ich bevorzuge allerdings die "drei Säulen der Nachhaltigkeit", die Nachhaltigkeit als die "gleiche Berücksichtigung von sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen einer Wahl oder eines Produkts auf globalen bis hin zum individuellen Level" bezeichnen.1 Die Idee einer solchen Definition ist es, die Auswirkungen einer von dir getroffenen Entscheidung in Hinsicht auf "die Möglichkeit, dass Menschen und anderes Leben auf diesem Planeten für immer gedeihen werden",  zu erfassen.2

Auf den ersten Blick dient eine derart breit gefächerte Definition von Nachhaltigkeit nur dazu, dass Offensichtliche hervorzuheben. Und zwar, dass die enormen Klimaemissionen, Wasser- und Landnutzung, Einzelverpackungen und sogar Tierquälerei oftmals mit tierischen Lebensmitteln in Verbindung gebracht werden.  Deshalb ist eine vegetarische Ernährung um einiges nachhaltiger, und eine vegane Ernährung muss dann ja noch nachhaltiger sein. Und obwohl das im Allgemeinen auch stimmt, sind solche breit gefächerten Ernährungsgewohnheiten kein perfekter Vertreter der Maximierung von Nachhaltigkeit bei den Lebensmitteln, die wir essen.

Pflanzliche Lebensmittel ≠ Nachhaltige Lebensmittel

Auf der einfachsten Ebene kann uns diese Einstellung in Hinsicht auf weitere nachhaltige Lebensmittel blenden. Zum Beispiel ist Mandelmilch auf dem gesamten Spektrum nachhaltiger als Kuhmilch. Wenn du aber ein bisschen recherchierst, erfährst du, dass Mandeln hauptsächlich in heißen und weit entfernten Klimazonen wachsen und eine riesige Menge an Wasser brauchen, was ihnen einen astronomischen Wasser-Fußabdruck zuordnet: nur ein Liter Mandelmilch verbraucht während der Produktion 317 L Wasser.3 Alternativ ist Hafer tatsächlich hier in Europa auf einer vergleichbaren Fläche leicht anzubauen und zusätzlich enthält Hafermilch sogar noch mehr Protein und Kohlenhydrate als Mandelmilch.4 Wenn du also sowieso von Kuhmilch zu einer Alternative wechseln möchtest, warum nicht noch einen Schritt weiter gehen und die nachhaltigere Option wählen?

Die strikte Einhaltung einer rein pflanzlichen Ernährung kann uns außerdem davon abhalten, Gelegenheiten zur Minimierung von Abfällen und Verschwendung wahrzunehmen. Die Supermärkte in Großbritannien allein werfen jedes Jahr Millionen Tonnen an Lebensmitteln weg.5 Ich kaufe ab und zu immer noch Fleisch und Fisch im Supermarkt, aber nur, wenn es ein “noch frisch” Etikett aufweist und auf dem Rabatt-Tisch liegt. Für mich fühlt sich das an diesem Punkt als nachhaltigste Entscheidung an, da so vermieden wird, ein so umweltschädliches Produkt (und der Tod eines Tieres) zu verschwenden, ohne dass eine erhöhte Nachfrage entsteht, die zu noch mehr solcher Produkte in unseren Regalen führen würde. Und was ist mit Reststücken und anderen weniger erwünschten Tierprodukten, die regelmäßig zu Abfall werden - sollten wir diejenigen, die Zunge oder Schweinsfüße essen, nicht feiern, anstatt davon angeekelt zu sein?

Nachhaltig zu essen ist nicht einfach

Einer der größten Nachteile der nachhaltigen Ernährung im Vergleich zu der vegetarischen ist, dass man so viele verschiedene Sachen gleichzeitig berücksichtigen muss. Nehme ich die alternative Milch, die am wenigsten Wasser verbraucht oder die, die in einer recycelbaren Glasflasche anstelle von einer Plastikflasche kommt? Das ist hier der Punkt an dem Entscheidungsträger, Hersteller und Händler etwas tun müssen, um die Lebensmittelketten transparenter zu gestalten. Etiketten zum Nährstoffgehalt mit dem Ampelprinzip helfen uns dabei, gesündere Entscheidungen zu treffen, wenn es um Lebensmittel geht - könnten wir das gleiche Prinzip nicht auch für Nachhaltigkeit anwenden, damit wir alle informiert Entscheidungen treffen können, wenn wir vor dem Regal stehen?

Bei Nachhaltigkeit geht es nicht nur darum was wir essen - wo und wie es hergestellt wird, wie es uns erreicht und wie es verpackt wird, gehört auch mit dazu. Es gibt einiges zu berücksichtigen, wenn man ethische Lebensmittel-Entscheidungen treffen möchte. Finde heraus, wie ein Veganer dieses Labyrinth meistert.    

Die Nachhaltigkeit zu erhöhen kann ein Problem sein

Um weiter für Verwirrung zu sorgen, kann man sagen, dass die meisten nachhaltigen Entscheidungen, die wir treffen, nicht die nachhaltigsten Entscheidungen sind, die alle anderen treffen würden. Manchmal lassen sich ethische Entscheidungen einfach nicht messen.

Seht euch zum Beispiel den biologischen Anbau an: Der geringere Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden in biologischen Betrieben bedeutet, dass der Umgebung beim Anbau unserer Lebensmittel weniger Schaden zugefügt wird. Deshalb macht es auch Sinn, dass jemand, der sich nachhaltig ernähren möchte, Bioprodukte kauft. Allerdings sind biologische Betriebe im Durchschnitt weniger produktiv, als andere moderne Betriebe. Während die Größe der so genannten Ertragslücke zwischen konventionellen und biologischen Betrieben oft diskutiert wird, würde die gesamte Produktivität fallen, wenn jeder nur noch biologische Produkte kaufen würden (und sämtliche Betriebe zu biologischem Anbau wechseln würden). Das würde bedeuten, dass weniger Lebensmittel erhältlich wären und ärmere Gemeinden in Gefahr geraten würden, zu verhungern.6 

Dank unserer breit gefächerten Definition von Nachhaltigkeit, die soziale und wirtschaftliche Faktoren miteinbezieht, kann etwas, dass im kleinen Maßstab nachhaltig wirkt (z.B. durch die Reduzierung der Umweltauswirkungen von landwirtschaftlichen Betrieben), im großen Maßstab tatsächlich nicht nachhaltig sein (z.B. durch die Reduzierung der Ernährungssicherheit von Millionen von Menschen). Deshalb müssen wir darauf achten, dass, wenn wir uns für politische oder branchenweite Veränderungen einsetzen auch berücksichtigt wird,  inwieweit die von uns gestellten Anforderungen auch dann noch nachhaltig sind, wenn sie auf ein bevölkerungsweites Niveau angehoben werden. 

Was ist für mich nachhaltig?

Wir müssen außerdem berücksichtigen, wenn wir uns fragen, was auf der individuellen Ebene am nachhaltigsten ist. Menschen müssen Entscheidungen treffen, die für sie selbst nachhaltig sind, da nur langfristige Veränderungen die Zukunft der Lebensmittel wirklich verändern können.

Für manche sind strikte vegetarische oder vegane Ernährungen vielleicht eine nachhaltige Option, für andere aber sind diese Arten der Ernährung vielleicht unmöglich, da sie gesundheitliche Probleme oder andere Einschränkungen haben. Und selbst wenn 84% derjenigen, die sich in den USA dazu entscheiden, vegetarisch oder vegan zu leben, diesen Lebensstil wieder aufgeben. Über die Hälfte dieser Leute sagen, dass es für sie einfach zu schwierig war,  eine so konsequente Ernährung aufrechtzuerhalten und, dass es ihnen nicht gefallen hat, dass sie sich dadurch von der Masse abgehoben haben (7). Diese Frage der Konsequenz ist der Grund, warum Ernährungen, die auf Nachhaltigkeit (wie Flexitarismus oder "Reducetarianism") und nicht auf strengen Regeln basieren, oftmals eine bessere Option darstellen. Sie erlauben jedem, die Umweltauswirkungen seiner Ernährung schrittweise so zu reduzieren, dass es ihnen möglich sein wird, diese Art der Ernährung Jahrzehnte anstelle von Wochen durchzuziehen.    

Das Problem wird von dem so genannten “Veganuary” gut dargestellt. Viele Leute, die versuchen wollen, vegetarisch oder vegan zu leben, neigen dazu, dies schnell zu tun (innerhalb von Tagen oder Wochen), möglicherweise auch nur aufgrund eines Trends. Allerdings sind diejenigen, die ihre Ernährung schnell umstellen im Gegensatz zu denen, die ihre Ernährung langsam über Monate oder Jahre umstellen, auch schneller wieder rückfällig.7 Es ist besser, wenn man langsame, schrittweise Veränderungen in der Ernährung durchführt und diese über Jahre beibehält, als wenn man in einem Schritt zum Veganer wird, nur um am 1. des Folgemonats dann ein Steak auf den Grill zu schmeißen.        

Letzten Endes spielt auch hier das Geld eine Rolle. Mit zunehmender Beliebtheit von pflanzlicher Ernährung wurden alternative Lebensmittel zugänglicher (ich kann mittlerweile in den meisten Supermärkten und sogar in meinem lokalen Lebensmittelgeschäft einen Karton Hafermilch mitnehmen), allerdings nicht günstiger. Wenn Hafermilch zweimal so viel wie Kuhmilch kostet und der vegane Käse zu einem Premiumpreis verkauft wird, wie können wir dann erwarten, dass die weniger privilegierten der Gesellschaft das Wohl des Planeten vor ihre eigenen Grundbedürfnisse stellen? 

Glücklicherweise gibt es eine Menge bezahlbare Möglichkeiten, mit denen jeder seine Ernährung nachhaltiger gestalten kann. Versuche dein Bestes, um Einzelverpackungen zu vermeiden und recycle alles, was du recyceln kannst. Oder konzentriere dich darauf, lokale Produkte zu kaufen und diese so gut wie möglich zu nutzen, um so wenig wie möglich zu verschwenden. Oder spare vielleicht ein bisschen Geld, indem du weniger regelmäßig Fleisch isst und wenn du es isst, versuche  dieses von Herstellern zu kaufen, die weniger Auswirkungen auf die Umwelt haben.[1]  Wenn man Leute selber entscheiden lässt, wie sie nachhaltig leben wollen, anstatt ihnen strikte Regeln vorzusetzen, gibt dieses jedem die Chance, positive und langfristige Veränderungen zu bewirken. Außerdem hat dann niemand mehr eine Ausrede, es nicht zu tun.

Es gibt keinen Ausweg - iss nachhaltig 

Also nein, ich bin nicht vegan. Ich habe es versucht, aber die strikte pflanzliche Ernährung ist in dieser Phase meines Lebens keine nachhaltige Wahl für mich. Ich versuche allerdings aktiv und wann immer möglich, tierische Produkte zu vermeiden: durch die Suche nach und einer besseren Nutzung pflanzlicher Alternativen; den bevorzugten Kauf von saisonalem Obst und Gemüse, das nicht in Folie gewickelt ist; und durch die Einsicht, dass mit meinem finanziellen Privileg die Verantwortung einhergeht, mehr für nachhaltigere Produkte zu zahlen.

Vegan zu leben ist im Moment vielleicht auch nicht das richtige für dich, aber wir können alle danach streben, so nachhaltig zu leben, wie es in unserem persönlichen und finanziellen Rahmen möglich ist. Stelle nachhaltiges Essen in den Mittelpunkt deiner Herangehensweise zu Lebensmitteln und wer weiß, vielleicht lebst du dann wirklich irgendwann vegan.

Versuchst du nachhaltig zu essen? Wenn ja, dann teile deine Erfahrungen gerne mit uns in einem Kommentar!

Aug 24, 2020 Aran Shaunak Von Aran Shaunak Meine Artikel