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Avocados: Die wahren Kosten der Produktion
Feb 11, 2020 Silvia Lazzaris Von Silvia Lazzaris Meine Artikel

Avocados: Die wahren Kosten der Produktion

Während meines ersten Jahres an der Uni ging ich in den Supermarkt, um eine Avocado zu kaufen und kam (wie ich mit großer Schande gestehen muss) mit einer Mango nach Hause. Wenn ich darüber nachdenke, wie viele Avocados ich heute esse − in Salaten, auf Toast, als Guacamole, um nur einige zu nennen − erstaunt es mich, dass ich noch vor wenigen Jahren nicht wusste, wie eine Avocado von außen aussieht. Als mir auffiel, dass auch meine Freunde und Familie die Frucht innerhalb weniger Jahre nicht mehr ignorierten, sondern geradezu liebten, beschloss ich, mich auf eine Mission zu begeben: So viel wie möglich über die sozialen und ökologischen Auswirkungen der Produktion von Avocados als Grundnahrungsmittel zu erfahren. Und ich habe Folgendes herausgefunden.

Wo werden Avocados angebaut?

Mexiko produziert weltweit die meisten Avocados, doch die Konkurrenz nimmt zu. Im Jahr 2017 war Mexiko für 33% der weltweiten Produktion verantwortlich; innerhalb der Landesgrenzen ist die Region Michoacàn am produktivsten.1 Laut der FAO – Food and Agriculture Organisation Corporate Statistical Database (Statistische Datenbank der FAO) - folgen auf Mexiko die Dominikanische Republik, Peru, Indonesien, Kolumbien, Brasilien und Kenia. Es macht Sinn, dass die meisten der top produzierenden Länder lateinamerikanisch sind, denn Avocados sind seit etwa 500 v. Chr. ein Grundnahrungsmittel der meso- und südamerikanischen Ernährung.

Die weltweite Produktion ist in den letzten Jahrzehnten in die Höhe geschnellt, was viele andere Länder dazu veranlasst hat, die Produktion ebenfalls zu erhöhen oder zu testen. Im Jahr 2016 wurden weltweit 2,6-mal so viele Avocados produziert wie noch 1997. Mexiko allein produzierte 2016 das Äquivalent der gesamten weltweiten Avocadoproduktion von 1997!

Wie viele Avocados werden jedes Jahr konsumiert?

Obwohl Europa immer noch viermal weniger Avocados konsumiert als die USA − 500 Tausend Tonnen pro Jahr, was etwa einem Kilo pro Kopf und Jahr entspricht − hat sich der europäische Importwert von Avocados zwischen 2013 und 2017 fast verdreifacht. Hauptlieferant für den europäischen Markt ist Peru, gefolgt von Chile, Südafrika, Israel, Mexiko und Kenia.2

Wo in Europa Avocados angebaut werden

Spanien produziert die meisten Avocados in Europa. Um lokale Märkte zu erschließen, werden außerdem in Portugal, Italien und Griechenland Pilotprojekte durchgeführt, wobei die Produktion in diesen Ländern von Jahr zu Jahr steigt.3

Informiere dich hier über den Zusammenhang von Druckstellen an Avocados und Lebensmittelverschwendung

Auswirkungen der Avocadoproduktion auf Umwelt und Gesellschaft 

Diese Intensivierung hat Folgen. Zahlreiche journalistische und institutionelle Studien haben die Folgen der verstärkten Avocadoproduktion, insbesondere in Mexiko, untersucht.

So wurde 2014 und 2016 in Artikeln des Wall Street Journals4 und des Guardians5 darüber berichtet, dass steigende Avocadopreise sowohl illegale Abholzung als auch Erpressung der Landwirt*innen zur Folge haben: In Michoacàn durch kriminelle Organisationen wie Los Caballeros Templarios (Zu Deutsch: „Die Tempelritter“).

Avocados wurden mit den „Blutdiamanten“ Afrikas verglichen.

Ein Bericht der FAO6 wies auch auf die Schwachstellen der KleinbäuerInnen in Michoacàn hin, denen es oft an Ressourcen für die Verpackung und den Transport ihrer Früchte mangelt. Außerdem fehle es auch an einer gesetzlichen Dokumentation, ohne die eine Bezahlung nicht gewährleistet ist. Das Ergebnis ist eine Wirtschaft, die Mittelspersonen mit geringem persönlichem Risiko und großem Eigeninteresse belohnt. Die Akteure, die nennenswerte Gewinne erzielen, sind nämlich nicht die anbauenden KleinbäuerInnen, sondern diejenigen, die sich um Transport und Verpackung kümmern.

Der Wasser-Fußabdruck der Avocadoproduktion

Nutzung und Verfügbarkeit von Wasser bei der Avocadoproduktion haben auch Auswirkungen auf die umliegenden Lebensräume und Communities. Der „durchschnittliche“ Wasser-Fußabdruck von Avocados ist ein abstraktes Maß, wenn man bedenkt, dass Avocados, die in verschiedenen Teilen der Welt angebaut werden, sehr unterschiedliche Mengen an „eingesetztem Wasser“ zum Wachsen benötigen. „Eingesetztes Wasser“ meint Bewässerungswasser, also keinen Niederschlag oder die natürliche Feuchtigkeit im Boden. Da sich Avocados an eine Vielzahl von Böden anpassen können − von trocken bis feucht − werden die KleinbäuerInnen je nach Jahreszeit (Avocados wachsen das ganze Jahr über, obwohl die Hauptsaison im Sommer ist) unterschiedlich viel Wasser aufwenden. LandwirtInnen aus wärmeren oder trockneren Klimazonen bewässern beispielsweise mehr als jene aus kühleren oder feuchteren Umgebungen.

„Auf den Philippinen, wo es viel regnet und die Luftfeuchtigkeit sehr hoch ist, müssen sie kaum bewässern“, so Dr. Mary Lu Arpaia, subtropische Gartenbauwissenschaftlerin an der University of California, Riverside, „aber in Chile oder Kalifornien, in Teilen Südafrikas, Israels, Spaniens und anderen Gebieten mit mediterranem Klima wird am Ende mehr Wasser verbraucht“.

Ökologische und soziale Probleme treten auf, wenn ein extrem trockenes Klima mit rücksichtsloser Produktion einhergeht. Petorca ist Teil der Region in Chile, aus der wir typischerweise Avocados importieren – und ist bekanntermaßen eine extrem trockene Region. Hier werden etwa 1.280 Liter eingesetztes Frischwasser benötigt, um ein Kilogramm Avocados zu produzieren – es werden also etwa 320 Liter eingesetztes Wasser benötigt, um eine einzige Avocado wachsen zu lassen (gegenüber durchschnittlich 70 Litern!).7,8

Um dieses Problem zu umgehen und den Zugang zu frischem Wasser sicherzustellen, haben die Besitzer*innen einiger großer Avocado-Plantagen in Petorca illegale Leitungen und Brunnen installiert, die Wasser aus Flüssen zur Bewässerung ihrer Kulturen umleiten und in Folge dessen es zu einer regionalen Dürre kam. Kleinbäuer*innen mit seichten Brunnen haben nun kein Wasser mehr, und die AnwohnerInnen müssen zum Kochen, Putzen oder Waschen oft verunreinigtes Wasser verwenden, das per Lastwagen angeliefert wird.9 Fälle wie diese zeigen, dass der Avocado-Wasser-Fußabdruck  sehr viel komplexer ist als nur eine Zahlenangabe und direkte Auswirkungen auf ganze Gemeinschaften hat.

Was du tun kannst

Als ich mich über Wasserverbrauch, illegale Rohrleitungen, Drogenkartelle, fehlende Zahlungen und die Abholzung der Wälder informiert habe, wurde mir klar, dass es bei der Auswahl einer Avocado nicht einfach nur darum geht, die perfekte Reife zu finden. Es geht um fairen Handel.

1. Achte auf Fairtrade-Labels

Diese garantieren, dass den ProduzentInnen mindestens der Fairtrade-Mindeststandard gezahlt wurde und sie eine Fairtrade-Prämie erhalten haben, um in ihre Communities und Ökosysteme zu investieren – um zum Beispiel wiederaufforsten zu können und Wasserverschmutzung zu vermeiden.

2. Finde ethische ErzeugerInnen

Bei der Suche nach ethischen ProduzentInnen (Spoiler-Alarm: es ist nicht einfach) bin ich auch auf das GSCP – Global Social Compliance Program gestoßen (zu Deutsch etwa: Programm zur weltweiten Einhaltung von Sozialstandards). Dieses wurde von der Sustainable Supply Chain Initiative (Initiative für nachhaltige Lieferketten) ins Leben gerufen: Ein umfassendes Programm, das Nachhaltigkeitsstandards vergleicht und bewertet und so VerbraucherInnen und LieferantInnen Informationen bietet, die helfen, sozial und ökologisch vertretbare Lieferketten zu identifizieren.

3. Konsumiere in Maßen 

Wir alle können ein breiteres und vielleicht simpleres Prinzip anwenden: Mäßigung ist der beste Weg. Eine Verringerung der Nachfrage könnte dazu beitragen, das Angebot zu stabilisieren. Obwohl wir nicht immer von einem positiven Resultat ausgehen können, haben wir als VerbraucherInnen mehr Macht, als wir manchmal denken. Gerade weil wir diese wunderbare Frucht lieben, können wir sie in Ehren halten, indem wir sie in Maßen essen, der Natur für jede Avocado danken, die auf unserem Teller landet und uns immer wieder daran erinnern, dass nicht einmal die beste Guacamole so viel negative Produktions-Auswirkungen wert ist.

Feb 11, 2020 Silvia Lazzaris Von Silvia Lazzaris Meine Artikel